Köln, Winter 1946. Die Stadt liegt in Trümmern. Viele Wohnungen sind zerstört, es fehlt an Kohle, an Lebensmitteln – an allem. Für viele Menschen geht es in diesem Winter nicht mehr um Regeln – sondern einfach nur noch darum, zu überleben.
In dieser Situation hält Josef Frings am Silvesterabend 1946 seine Predigt im Kölner Dom. Ein Satz daraus wird später weit über Köln hinaus bekannt – und sorgt bis heute für ein Missverständni. (Foto: IMAGO / United Archives Keystone)
➡️ Aus der Predigt entsteht ein Wort, das viele kennen: „fringsen“.
Was Frings wirklich gesagt hat
📍 Oft wird die Geschichte so erzählt: Ein Kardinal habe den Diebstahl erlaubt – und die Kölner hätten daraus kurzerhand ein eigenes Wort gemacht. Doch so einfach ist es nicht.
Kardinal Frings sprach in seiner Predigt ausführlich über die Not der Menschen und die moralischen Konflikte im Alltag. Dabei ging es ihm um eine zentrale Frage: Wie handelt man richtig, wenn die gewohnten Regeln nicht mehr tragen?
📍 In diesem Zusammenhang sagte er sinngemäß: Wer sich in einer existenziellen Notlage etwas nimmt, das er zum Leben dringend braucht – etwa Lebensmittel oder Heizmaterial –, handelt nicht zwangsläufig sündhaft.
➡️ Das war keine pauschale Erlaubnis zum Stehlen, sondern eine differenzierte moralische Einordnung, wie sie in der katholischen Lehre angelegt ist: Eigentum ist geschützt – aber im Extremfall kann das Überleben schwerer wiegen.
Frings knüpfte das ausdrücklich an Bedingungen:
- eine echte Notlage
- kein anderer Ausweg
- und ein Handeln, das dem unmittelbaren Überleben dient
➡️ Diese Differenzierung ging in der Deutung später allerdings weitgehend verloren. Seine Worte richteten sich nicht nur an diejenigen, die in Not waren – sondern auch an diejenigen, die Verantwortung trugen. Es ging ihm darum, moralische Orientierung in einer Extremsituation zu geben, in der einfache Antworten nicht mehr funktionierten.
Wie daraus „fringsen“ wurde
Was Frings differenziert formulierte, wurde im Alltag schnell vereinfacht. In einer Stadt, in der Kohlenzüge geplündert wurden, Lebensmittel knapp waren und viele Menschen schlicht keine Alternative sahen verbreitete sich eine verkürzte Botschaft:
„Man darf sich nehmen, was man braucht“
Daraus entstand Anfang 1947 im Rheinland ein neues Wort: „fringsen“
Gemeint war damit: sich etwas nehmen, obwohl es eigentlich verboten ist – oft mit einem Augenzwinkern, aber mit sehr realem Hintergrund.
Anzeige: Aus dem Verliebt in Köln-Shop:Viele Menschen fühlten sich verstanden
Die Predigt blieb nicht ohne Wirkung: Viele Menschen fühlten sich verstanden und entlastet. Für sie war Frings jemand, der ihre Lage erkannte und nicht aus sicherer Distanz urteilte.
📍 Gleichzeitig gab es Kritik: innerhalb der Kirche, weil man Missverständnisse befürchtete und auch von Seiten der Besatzungsmächte, die eine Zunahme von Diebstählen fürchteten.Frings selbst sah sich später gezwungen, seine Aussagen einzuordnen. Er stellte klar, dass es keine generelle Erlaubnis gewesen sei, sondern eine moralische Ausnahme unter extremen Bedingungen.
Wer war Kardinal Frings?
➡️ Josef Frings wurde 1887 in Neuss geboren und war von 1942 bis 1969 Erzbischof von Köln. Er prägte die Stadt und die Region in einer der schwierigsten Phasen ihrer Geschichte während der letzten Kriegsjahre und im Wiederaufbau danach.
30. Mai 1942: Die Nacht, als der Kölner Dom fast zerstört wurde
Eine der schlimmsten Bombennächte erlebte Köln am 30. und 31. Mai 1942. In dieser Nacht startete die britische Luftwaffe den ersten sogenannten 1.000-Bomber-Angriff der Geschichte.



