Wer in Köln über den Neumarkt geht, kennt die mächtige Basilika St. Aposteln. Besonders auffällig ist die Fassade der Kirche mit ihren vielen Rundbögen. Doch wer genauer hinschaut, entdeckt eine Merkwürdigkeit: Viele dieser Bögen sehen aus wie Fenster, dahinter befindet sich aber einfach nur eine Steinwand.
Wurden hier irgendwann Fenster zugemauert? Oder warum hat man so viele Bögen gebaut, durch die überhaupt kein Licht ins Innere gelangen kann? Die Erklärung führt zurück in die mittelalterliche Baukunst und ist ein besonderes Merkmal der romanischen Architektur.
Warum St. Aposteln so viele Fenster ohne Glas hat
Was auf den ersten Blick wie ein zugemauertes Fenster aussieht, ist in vielen Fällen gar keines. Fachleute sprechen von sogenannten Blendbögen oder Blendarkaden. Das sind Bögen, die eine Wand gliedern und schmücken, ohne dass sich dahinter eine vollständige Öffnung befindet.
Diese Bauweise war besonders in der Romanik verbreitet. Die Kirchen dieser Zeit wurden häufig mit massiven Steinmauern und vergleichsweise kleinen Fenstern errichtet. Damit die großen Außenflächen trotzdem nicht wie einfache, glatte Mauern aussahen, wurden sie mit Bögen, Säulen und Vorsprüngen gestaltet. So entstanden regelmäßige Muster, die den Gebäuden Tiefe verliehen.
Bei Sonnenschein werfen die Bögen außerdem Schatten auf die Fassade. Dadurch wirkt die massive Steinwand lebendiger. Die vermeintlich zugemauerten Fenster sind also in erster Linie ein bewusst eingesetztes Gestaltungselement. Auch das Architekturportal baukunst-nrw beschreibt die Blendbögen an St. Aposteln als charakteristisches Merkmal der Außenfassade.
Ein besonderes Detail an der Kirche
Bei St. Aposteln lässt sich diese Bauweise besonders gut am sogenannten Kleeblattchor erkennen. Er besteht aus drei halbrunden Gebäudeteilen, die sich um den zentralen Kirchenraum gruppieren.
Dieser Bereich entstand um das Jahr 1200 und zählt zu den bedeutenden Beispielen der rheinischen Romanik. Interessant ist dabei die Aufteilung der Fassade: Im unteren Geschoss befinden sich viele geschlossene Bogenfelder. Im Inneren liegen dahinter Wandnischen. Darüber gibt es auch richtige Fenster, die Tageslicht in die Kirche lassen.
Noch eine Besonderheit befindet sich direkt unterhalb des Daches: Dort verläuft eine sogenannte Zwerggalerie. Die vielen kleinen Rundbögen sind tatsächlich offen. Dahinter befindet sich ein schmaler Gang, der um die halbrunden Gebäudeteile führt.
Wer sich die Kirche von außen anschaut, sieht also drei unterschiedliche Elemente: geschlossene Blendbögen, echte Fenster und offene Arkaden.
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Die Bögen erzählen von einer über 800 Jahre alten Bauidee
Die Geschichte von St. Aposteln reicht sogar mehr als 1.000 Jahre zurück. Bereits nach 1021 ließ Erzbischof Pilgrim an dieser Stelle eine große Basilika errichten. Damals lag das Gotteshaus noch außerhalb der römischen Stadtmauer.
Seine heutige, besonders markante Gestalt erhielt St. Aposteln durch Umbauten im 12. und 13. Jahrhundert. Der Kleeblattchor entstand um 1200. Nach schweren Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche in ihrer historischen Form wiederaufgebaut.
Bis heute gehört sie zu den zwölf großen romanischen Kirchen Kölns. Wer an St. Aposteln entlanggeht, kann übrigens noch ein anderes interessantes Detail entdecken: An der Außenwand der Kirche befindet sich ein alter französischer Straßenname aus der Zeit Napoleons.
Beim nächsten Spaziergang über den Neumarkt lohnt es sich deshalb, die Fassade einmal genauer anzuschauen. Die vielen Bögen ohne Fenster sind kein Fehler und auch keine vergessenen Öffnungen. Sie zeigen, wie die Baumeister des Mittelalters mit einfachen geometrischen Formen eine eindrucksvolle Architektur geschaffen haben.
Und St. Aposteln ist nicht die einzige Sehenswürdigkeit am Neumarkt, hinter der eine besondere Geschichte steckt. Nur wenige Schritte entfernt schauen zwei weiße Pferde aus einem Turm. Auch die riesige Eistüte an der Neumarkt-Galerie hat eine interessante Geschichte.



