Wer abends am Rhein unterwegs ist, erlebt ein Schauspiel, das man in Deutschland so kaum erwartet: Hunderte, manchmal Tausende grüne Papageien kreisen über den Bäumen, rufen laut durcheinander, landen, starten wieder, streiten um Plätze. Es wirkt chaotisch, fast wie ein Ausnahmezustand.
Und dann – eine Stunde später – ist es plötzlich ruhig.
Die grünen Papageien in Köln haben an der Rheinpromenade ihren festen Schlafplatz. Die Bäume befinden sich etwa auf Höhe des Maritim-Hotels. Wo genau, kann man recht gut auf dem Boden erkennen, wo die Hinterlassenschaften der Vögel zu sehen sind.
Das bedeutet aber längst nicht, dass man hier garantiert die grünen Papageien antrifft. Wer tagsüber hier unterwegs ist und auf viele grüne Vögel hofft, wird häufig enttäuscht: Dann nämlich ist genau gar kein Vogel in den Bäumen zu sehen.
Tatsächlich sind sie tagsüber über die ganze Stadt verteilt – in Parks, Gärten, Innenhöfen. Doch für die Nacht haben sie feste Treffpunkte: die besagten Schlafbäume in Rheinnähe.
Der Baum am Abend wird dabei zum zentralen Sammelpunkt. Am Abend kehren sie dorthin meist in Wellen zurück. Erst kommen kleine Gruppen, dann werden die Schwärme größer.
Was auf uns Menschen wie ein großes Chaos wirkt, ist in Wahrheit ein faszinierendes soziales System.
Das scheinbare Chaos hat System. Der Lärm erfüllt mehrere Funktionen gleichzeitig:
- Die Tiere halten über Rufe Kontakt – gerade im dichten Schwarm
- Paare und kleine Gruppen finden zusammen
- Die besten Schlafplätze im Baum sind begehrt, denn die äußeren Plätze bieten einen schlechteren Schutz vor Feinden.
Das Sozialsystem der grünen Papgeien in Köln
Aus verhaltensökologischer Sicht sind die Kölner Halsbandsittiche (Psittacula krameri) ein klassisches Beispiel für gemeinschaftliche Schlafplatznutzung („communal roosting“) in Kombination mit zentralen Informationssystemen.
Solche Schlafbäume fungieren nicht nur als sichere Nachtquartiere, sondern auch als Orte indirekten Informationsaustauschs. Die sogenannte „Information Center Hypothesis“ geht davon aus, dass weniger erfolgreiche Individuen am nächsten Morgen erfolgreichere Artgenossen verfolgen, um ergiebige Nahrungsquellen zu finden.
Hohe Standorttreue zu Schlafplätzen
Dieses Verhalten ist besonders in urbanen Lebensräumen sinnvoll, in denen Ressourcen räumlich stark verteilt und zeitlich variabel sind. Studien aus europäischen Städten zeigen zudem, dass Halsbandsittiche hohe Standorttreue zu Schlafplätzen, aber gleichzeitig große tägliche Aktionsradien von mehreren Kilometern aufweisen.
Auffällig ist außerdem ihre ausgeprägte soziale Organisation mit fission-fusion-Dynamik: Große Schwärme lösen sich tagsüber in kleinere, flexible Untergruppen auf und formieren sich abends wieder. Innerhalb dieser Struktur bestehen stabile Paarbindungen und wiederkehrende soziale Kontakte, ohne dass die Gesamtgruppe dauerhaft geschlossen bleibt.
Aus dem Verliebt in Köln-Shop:Die Lautstärke hat System
Akustische Kommunikation spielt dabei eine zentrale Rolle – die lauten Rufe beim Einflug dienen nachweislich der Koordination, Individualerkennung und Positionsbestimmung im Schwarm.
Gleichzeitig zeigen Halsbandsittiche ein für Vögel typisches, aber besonders gut ausgeprägtes Verhalten des unihemisphärischen Schlafs, bei dem eine Gehirnhälfte wach bleibt. Das ermöglicht es einzelnen Tieren – insbesondere an exponierten Randpositionen im Schlafbaum – potenzielle Gefahren wahrzunehmen und schnell zu reagieren.
Anderes Verhalten zur Brutzeit
Man kann sich das vorstellen wie einen überfüllten Platz, auf dem alle gleichzeitig ankommen, sich verabreden und ihren Platz suchen. Sobald die Dämmerung vorbei ist, verändert sich die Situation spürbar. Der Lärm ebbt ab, die Bewegung nimmt ab – dann wird es einfach ruhig.
Mit Sonnenaufgang werden sie wieder aktiv – dann beginnt das Spiel von vorn: Die Schwärme lösen sich auf, die Tiere fliegen in kleinen Gruppen in alle Richtungen der Stadt.
Viele Tiere bleiben dann nachts in der Nähe ihrer Bruthöhlen. Vor allem das Weibchen verlässt das Nest kaum. Der Schlafbaum wird in dieser Zeit weniger stark genutzt.
Hörspiel-Tipp: Dino Jünther trifft die grünen Papageien am Rheinufer



