Konrad Adenauer kennt man als ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik und als langjährigen Oberbürgermeister von Köln. Weit weniger bekannt ist eine andere Seite des Kölners: Adenauer war ein leidenschaftlicher Tüftler.
Er beschäftigte sich im Laufe seines Lebens mit zahlreichen Erfindungen. Darunter waren ziemlich praktische Ideen, aber auch Dinge, die heute kurios wirken: eine Wurst mit Soja, ein beleuchtetes Stopfei, ein Toaster mit Sichtfenster oder eine Gartenharke, die gleichzeitig als Hammer dienen sollte. (Foto: IMAGO / ZUMA/Keystone)
Hinter vielen dieser Ideen steckte allerdings mehr als bloße Bastelleidenschaft. Adenauer versuchte immer wieder, konkrete Probleme zu lösen. Im Ersten Weltkrieg ging es sogar um eine existenzielle Frage: Wie konnte die Lebensmittelversorgung der Kölner Bevölkerung trotz zunehmender Knappheit gesichert werden?
Später entstanden viele seiner Erfindungen in einer völlig anderen Lebensphase. Nachdem die Nationalsozialisten ihn 1933 als Kölner Oberbürgermeister abgesetzt hatten, war Adenauer politisch weitgehend zur Untätigkeit gezwungen. Haus und Garten wurden nun zu seinem Experimentierfeld.
Warum Konrad Adenauer überhaupt zum Erfinder wurde
Adenauers Erfinderleben lässt sich grob in mehrere Phasen einteilen. Schon als junger Mann interessierte er sich für technische Probleme und beschäftigte sich unter anderem mit Verkehr und Antriebstechnik.
Besonders wichtig wurde seine Tüftelei allerdings während des Ersten Weltkriegs. Adenauer war damals Erster Beigeordneter der Stadt Köln und für die Lebensmittelversorgung mitverantwortlich. Je länger der Krieg dauerte, desto schwieriger wurde es, die Bevölkerung mit Brot, Fleisch und anderen Lebensmitteln zu versorgen.
Eine weitere intensive Erfinderphase begann nach 1933. Die Nationalsozialisten vertrieben Adenauer aus dem Kölner Rathaus. Nachdem seine politische Karriere abrupt unterbrochen worden war, beschäftigte er sich wieder intensiv mit praktischen Problemen des Alltags. Nun entstanden zahlreiche Ideen für Haushalt und Garten.
Einige waren ihrer Zeit erstaunlich nahe. Andere scheiterten am Patentamt oder erwiesen sich als wenig praktikabel.
1. Das Kölner Notzeitbrot
Eine von Adenauers wichtigsten Erfindungen entstand aus einer echten Notlage. Während des Ersten Weltkriegs wurden Lebensmittel knapp. 1915 musste Brot rationiert werden.
Gemeinsam mit den Kölner Bäckern Jean und Josef Oebel suchte Adenauer deshalb nach einer Möglichkeit, Brot mit Rohstoffen herzustellen, die leichter verfügbar waren. Das Ergebnis war ein Schrotbrot, das unter anderem Mais-, Gersten- und Reismehl sowie Kleie enthielt.
Warum Adenauer das Brot erfand
Adenauer gehörte zu denjenigen, die in Köln dafür sorgen mussten, dass Hunderttausende Menschen weiterhin ausreichend Lebensmittel erhielten. Das neue Brot sollte Getreide sparen und gleichzeitig einen möglichst hohen Nährwert besitzen.
Es ging also nicht darum, ein besonders ausgefallenes Brot auf den Markt zu bringen. Das sogenannte Notzeitbrot sollte dabei helfen, die Versorgung Kölns während des Krieges zu sichern.
Adenauer und die Brüder Oebel meldeten das Herstellungsverfahren zum Patent an. Nach mehreren Überarbeitungen wurde die Erfindung schließlich anerkannt. Damit war das Schrotbrot eine der wenigen Erfindungen Adenauers, die tatsächlich Patentschutz erhielten.
Ein großer wirtschaftlicher Erfolg wurde daraus allerdings nicht. Unter anderem wurde später auch der benötigte Mais knapp.
2. Die Sojawurst
Nachdem Adenauer versucht hatte, eine Lösung für die Brotknappheit zu finden, beschäftigte ihn das nächste Lebensmittelproblem: Fleisch. Auch Fleisch wurde während des Ersten Weltkriegs zunehmend knapp. Adenauer suchte deshalb nach einer Möglichkeit, einen Teil des tierischen Eiweißes durch pflanzliches Eiweiß zu ersetzen.
Seine Lösung war Soja.
Adenauer arbeitete an einer Wurst, bei der Sojaprodukte zum Einsatz kamen. Die Bezeichnung „Veggie-Wurst“, die heute gelegentlich für seine Erfindung verwendet wird, ist allerdings etwas irreführend. Die ursprünglichen Rezepturen enthielten auch Fleischbestandteile beziehungsweise Fleischbrühe.
Warum Adenauer die Sojawurst erfand
Adenauers Überlegung war ausgesprochen pragmatisch: Die Menschen kannten und mochten Wurst. Wenn pflanzliches Eiweiß stärker genutzt werden sollte, warum sollte man es dann nicht in einer vertrauten Form anbieten?
Soja sollte Fleisch strecken und gleichzeitig wertvolles Eiweiß liefern. Sogar getestet wurde die Wurst. Adenauer ließ sie im damaligen Kölner Krankenhaus Lindenburg, dem heutigen Universitätsklinikum, ausprobieren.
Beim deutschen Patentamt hatte er mit seiner Idee allerdings keinen Erfolg. Im Ausland war er erfolgreicher. Unter anderem erhielt er Patente in Großbritannien, Österreich, Belgien und Ungarn. Damit gehört die Sojawurst heute zu den bekanntesten Erfindungen Konrad Adenauers.
Anzeige: Aus dem Verliebt in Köln-Shop:3. Eine Gartenharke mit Hammer
Nicht alle Ideen Adenauers beschäftigten sich mit großen gesellschaftlichen Problemen. Manche entstanden schlicht deshalb, weil ihn bei einer alltäglichen Tätigkeit etwas störte.
Adenauer war begeisterter Gärtner. Beim Arbeiten im Beet stellte er offenbar ein Problem fest: Nach dem Harken blieben größere Erdklumpen zurück. Um diese zu zerkleinern, musste man zu einem anderen Werkzeug greifen.
Adenauers Lösung: Warum nicht beide Werkzeuge miteinander verbinden? Er ließ auf der Rückseite einer Gartenharke einen hammerartigen Kopf anbringen. Wer größere Erdklumpen beseitigen wollte, musste das Gerät lediglich umdrehen.
Warum Adenauer Harke und Hammer kombinierte
Die Idee zeigt ziemlich gut, wie Adenauer an viele seiner Erfindungen heranging. Er beobachtete einen Arbeitsablauf, entdeckte darin einen unnötigen zusätzlichen Schritt und versuchte ihn zu beseitigen.
Mit der Kombination aus Harke und Hammer beschäftigte er sich bereits seit 1917 und griff die Idee später noch einmal auf. Für die Erfindung erhielt er allerdings kein Patent.
4. Ein Stopfei, das von innen leuchtet
Wer Löcher in Socken stopfen wollte, legte früher häufig ein sogenanntes Stopfei unter den Stoff. Dadurch wurde die beschädigte Stelle gespannt und konnte leichter genäht werden. Adenauer störte daran offenbar etwas: Bei schlechten Lichtverhältnissen waren kleine Löcher im Stoff schwer zu erkennen.
Seine Idee war ein Stopfei mit eingebauter Beleuchtung. Eine kleine Glühlampe im Inneren sollte das darüber gespannte Gewebe von unten beleuchten. Dadurch sollten beschädigte Stellen besser sichtbar werden.
Warum Adenauer das beleuchtete Stopfei erfand
Die Idee entstand in jener Zeit, in der Adenauer nach seiner Vertreibung aus dem Kölner Rathaus viel Zeit zu Hause verbrachte. Dort beobachtete er unter anderem seine Frau bei der Hausarbeit.
Sein Stopfei sollte das Flicken von Kleidung einfacher machen und zugleich zusätzliches Licht sparen. Adenauer war mit dieser Idee allerdings nicht allein. Ähnliche Konstruktionen waren bereits entwickelt worden. Ein Patent erhielt er deshalb nicht. Seine Frau soll Adenauers Konstruktion trotzdem benutzt haben.
5. Ein Toaster mit Sichtfenster
Noch eine Idee Adenauers klingt erstaunlich modern. Bei damaligen Brotröstern konnte man nicht ohne Weiteres sehen, wie braun das Brot bereits geworden war. Um den Röstgrad zu kontrollieren, musste der Toaster geöffnet beziehungsweise das Brot herausgeklappt werden.
Das störte Adenauer. Er arbeitete deshalb an einer Verbesserung des Brotrösters mit Sichtscheibe, Spiegel und zusätzlicher Beleuchtung.
Warum Adenauer seinen Toaster durchsichtig machen wollte
Das Problem war wieder denkbar einfach: Adenauer wollte sehen können, wie weit das Brot geröstet war, ohne dafür den Röstvorgang unterbrechen zu müssen. Das Prinzip kennt heute praktisch jeder. Toaster mit Sichtfenstern gibt es tatsächlich zu kaufen.
Sie gehen allerdings nicht auf Adenauers Konstruktion zurück. Seine Idee konnte er nicht so umsetzen, dass daraus eine patentierbare Erfindung wurde.
6. Eine Zeitschaltuhr für die Nachttischlampe
Auch im Schlafzimmer fand Adenauer Verbesserungspotenzial. Er tüftelte an einer Zeitschaltung für seine Nachttischlampe. Das Licht sollte sich automatisch abschalten können.
Heute klingt eine solche Funktion vollkommen selbstverständlich. Timer, Smart-Home-Steckdosen und automatisch abschaltende Lampen gehören längst zum Alltag.
Zu Adenauers Zeiten war die Idee deutlich ungewöhnlicher.
Auch hier zeigt sich sein typisches Muster: Nicht die große technische Revolution interessierte ihn, sondern eine kleine Verbesserung, die eine alltägliche Tätigkeit bequemer machen konnte.
7. Eine elektrische Bürste gegen Schädlinge
Eine der kuriosesten und zugleich gefährlichsten Erfindungen Adenauers entstand für den Garten.
Zwischen den 1930er- und 1940er-Jahren beschäftigte er sich intensiv mit einer elektrischen Vorrichtung zur Schädlingsbekämpfung. In eine Bürste ließ Adenauer Elektroden einbauen. Damit sollten befallene Baumstämme und Pflanzen behandelt und Schädlinge durch elektrischen Strom abgetötet werden.
Adenauer experimentierte damit über Jahre.
Warum Adenauer eine elektrische Schädlingsbürste entwickelte
Auch hier wollte er ein Problem aus seinem eigenen Garten lösen. Gesucht war eine möglichst wirkungsvolle Möglichkeit, Schädlinge an Pflanzen zu bekämpfen. Die Konstruktion hatte allerdings einen entscheidenden Nachteil: Sie arbeitete mit extrem hoher Spannung.
Die AEG warnte Adenauer, dass sein Gerät unter Umständen auch für den Benutzer tödlich sein könne. Ein Patent bekam er nicht.
Nicht jede Erfindung Adenauers wurde wirklich patentiert
Bei den Erfindungen Konrad Adenauers muss man zwischen einer Idee und einer tatsächlich patentierten Erfindung unterscheiden. Adenauer beschäftigte sich im Laufe seines Lebens mit zahlreichen Konstruktionen und meldete viele davon beim Patentamt an. Besonders erfolgreich war er dort allerdings nicht.
In Deutschland wurde lediglich das Verfahren für sein Schrotbrot patentiert. Bei der Sojawurst gelang es ihm dagegen, im europäischen Ausland mehrere Patente zu erhalten. Viele andere Konstruktionen wie das beleuchtete Stopfei, der verbesserte Toaster oder verschiedene Gartengeräte blieben Ideen, Prototypen oder erfolglose Patentanmeldungen.
Dennoch gehören neben Adenauers großer politischen Karriere auch einige ziemlich ungewöhnliche Dinge zu seiner Geschichte: eine Sojawurst, ein leuchtendes Stopfei, ein durchsichtiger Toaster und eine Gartenharke mit Hammer.


