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Waidmarkt

Wie am Waidmarkt etwas Erstaunliches passierte

Dieser Text stammt aus dem Newsletter des Kölner Presseclubs. Autor ist Peter Pauls, ehemaliger Chefredakteur des Kölner Stadt-Anzeigers. Verliebt in Köln übernimmt den Text mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Zeitweise hatte der Kölner Waidmarkt etwas von einem verhexten Ort. Denn sicher hat der Einsturz des Historischen Stadtarchivs vom 3. März 2009 die Gegend gezeichnet. Als lasteten Tod, Staub und Zerstörung auf allem, was dort ist.

Als nun sechzehn Jahre später eine „künstlerische Intervention“ angekündigt wurde, war ich skeptisch. Was wollten Künstler hier nur ausrichten? Die Antwort glaubte ich bereits zu kennen. Wie sehr ich mich getäuscht hatte! (Foto: Roman Mensing)

Von der Stadt Köln beauftragt wurden Andre Dekker und sein Kunst Kollektiv „Observatorium“ aus dem niederländischen Rotterdam. Als Dekker an den Waidmarkt kam, tat er etwas, was ungewöhnlich ist in unserer Zeit. Er hörte zu, und zwar wochenlang. Andre Dekker, das merkt man nach wenigen Worten, mag Menschen. Und „Zuhören“ bedeutet hier mehr – dass der 69-Jährige nämlich tief in den Kölner Kosmos eintauchte. In einem Wechselspiel von Zuneigung und Distanz haben sich er und seine Mitstreiter die Lage am Waidmarkt erschlossen. Erst danach entschieden sie, wie ihre Intervention, ihr Eingreifen, aussehen sollte.

Zur Erinnerung: Beim Einsturz starben zwei Menschen, rund 30 Kilometer Archivgut verschwanden in den Trümmern, die einen gewaltigen Krater bildeten und das schwerste Unglück der Kölner Nachkriegsgeschichte markieren. Und nun entwarf und baute „Observatorium“ einen hölzernen Pavillon mit 24 Türen am Waidmarkt. Was so ein Holzbau ausrichten kann an einem Ort, an dem Menschen sich allein gelassen fühlten, lehrten die folgenden Monate. Der Pavillon mutierte zum Kommunikationsturbo.

Zwei Monate lang stand er allen offen als Sitztreppe, Konzertbühne, Begegnungsstätte – und vor allem als Archiv auf Zeit. Ständig war jemand da, der zuhörte. In den Logbüchern, die dort auslagen, hielten Besucher fest, was sie bewegte. Wer diese Aufzeichnungen liest, erfährt etwas über den Gemütszustand eines Viertels. Viele fühlten sich erst jetzt und zum ersten Mal quasi amtlich wahrgenommen in dem, was das Unglück mit ihnen gemacht hat.  

Kein Dramaturg hätte besser ersinnen können, was sich in diesen Wochen abspielte. Eine Zeichnerin porträtierte die Besucher, ein reisender Künstler kam mit seinem Esel vorbei, Stadtführer stiegen in den Untergrund, und zum Abschluss sang der Polizeifrauenchor.

Selbst für den Domblick war gesorgt – man musste nur an den äußersten Rand des Vorbaus treten. Und an Hitzetagen, das bezeugen Besucher, war es in dem Holzbau angenehm frisch. Aus einem verhexten Ort war tatsächlich einer geworden, an dem man gerne verweilt.

Andre Dekker (Bildmitte) kann etwas, was selten geworden ist: zuhören. Das half ihm und seiner Künstlergruppe „Observatorium“ am Waidmarkt. Jürgen Becker (re.) ist, wie meist, gut am Mikrofon. Foto: Helmut Nick

Geldverschwendung, wie manche unkten? Im Gegenteil. Der Einsatz der Künstler verdankt sich letztlich der Stadtkämmerin Dörte Diemert. Als die Stadt auf einen unterirdischen Raum an der Einsturzstelle verzichtete und die Bauleistung sich damit minderte, handelte sie mit Baufirmen eine zusätzliche Entschädigung aus – Geld, das auch in die Arbeit von „Observatorium“ floss. Es wurde also nichts obendrauf gelegt, sondern etwas zurückgeholt.

So fügen sich die Dinge nur, wenn übergeordneter Gestaltungswille im Spiel ist. Unermüdlich brachte die Organisation ArchivKomplex den Einsturz auf die Tagesordnung der Kölner Politik – in jenem ruhigen und sachlichen Ton, der ihren Sprecher Günter Otten auszeichnet.

In seiner unaufgeregten Art hat er mehr erreicht als mancher Hitzkopf. Übrigens erzählt sein Buch „Der Einsturz“ die Katastrophe akribisch nach. Damals habe eine fast umstürzlerische Stimmung diese sonst so duldsame Stadt erfasst, erinnert sich der Kurator und Vermittler des Projekts, Kay von Keitz. Und der Journalist Otten ergänzt, dass Köln und die Kölner doch eigentlich so gerne und schnell vergessen. Auch jetzt sind zahlreiche Begebenheiten schon aus dem Blick geraten.

Aufgefallen ist mir, dass in allen Gesprächen mit Künstlern sowie mit ArchivKomplex der Name der früheren Oberbürgermeisterin Henriette Reker anerkennend fiel – dass sie den richtigen Ton getroffen habe oder Handelnde zusammenbrachte, wenn es knirschte.

Ob kulturaffine Menschen ein feineres Sensorium haben? Ich glaube das. Die frühere Schauspielintendantin Karin Beier gab bei Elfriede Jelinek ein Stück in Auftrag, das schon 2010 den Einsturz auf die Bühne brachte. Als es noch großes Theater gab in Köln. Mehr Menschen dieses Schlages wären nach dem Unglück auf allen Feldern vonnöten gewesen.

Heute ist Andre Dekker für Köln ein Glücksgriff. Sein Pavillon war nicht Ende, sondern Anfang aller Aktivität. Musiker, bildende Künstler, Lyriker, Betroffene und Beteiligte hat er geweckt und zusammengeführt. Dekker tadelt nicht und ist, wie er sagt, in seinem Jahr hier „Kölner geworden“. Sogar die kölsche „Selbstbesoffenheit“ liebt er.  

Viele wollten, dass der Pavillon bleibt. Was aber tut unsere Stadt, was tun am Ende wir alle mit diesem Geschenk? Man ahnt es. Es fand sich niemand, der die Verantwortung übernehmen mochte. Zwar gibt es einen Ratsbeschluss, der weitere Waidmarkt-Aktionen festschreibt.

Aber offenbar kann eine gute Idee nicht in Verwaltungsprozesse übersetzt werden. Was in zwei Monaten bürgerschaftlicher und künstlerischer Energie entstand, hatte in der Welt der Formulare keinen Platz – dort, wo Verantwortung wie ein Schwarzer Peter hin- und hergeschoben wird.

Dekker trägt es mit Gelassenheit und formuliert lieber einen Wunsch: Kommt er 2030 zurück, möchte er am Waidmarkt einen Campus für die beiden angrenzenden Gymnasien vorfinden, der zugleich Stadtgarten ist – entwickelt von einem Dreigestirn aus Städtebau, Landschaftsarchitektur und Kunst; ein Ensemble aus Spiel, Muße, Ruhe und Erinnerung. Man möge ihn dann fragen: „Warum ist es hier so schön?“ Und die Antwort soll lauten: Weil die Katastrophe bei den Verantwortlichen ein Bedürfnis nach Schönheit ausgelöst hat.

Ich wünsche Andre Dekker und uns, dass diese Frage eines Tages tatsächlich gestellt wird.

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